Meinen an Eindrücken stärksten
Urlaub habe ich in Ägypten verbracht. Ein starkes
medizinisches Erlebnis möchte ich hier wiedergeben.
Die beiden Städte Karnak-Luxor
gehen nahtlos ineinander über und verfügen über
eine der reichsten Kulturgüter-Ansammlungen Afrikas.
Insgesamt wohnen hier 160 000 Einwohner.
Die Lebenserwartung der Ägypter wird derzeit mit 58 Jahren
angegeben (Deutschland knapp 80 Jahre).
Auf dem
Rückweg von der letzten Besichtigung stürzte
eine ältere Dame unserer Reisegruppe die Treppe hinunter und
überschlug sich mehrmals. Die Nase blutete
sehr, der weitere Check ergab den dringenden Verdacht auf einen
Unterarm-Bruch links,
evtl. noch Brüche an beiden Sprunggelenken. Wir legten eine
Unterarm-Schiene mit einem zweigeteilten Bambusstab an und
tamponierten die Nase.
"Wo ist der Krankenwagen!
Warum
wurde der noch nicht gerufen?"
Fehlanzeige! - Gibt es nicht!
"Notarzt und Kliniktransport!" -
auch das gibt es nicht - bei einer Stadt mit 160000 Einwohnern!
Der
Reisemanager klärte uns auf: "Ich habe ein Taxi gerufen
und dem Fahrer erklärt in welche Privatpraxis
er fahren soll - nur so, auf keinen Fall anders!"
"Ja ...., und warum nicht in die Klinik?"
"Machen Sie wie ich gesagt habe - sie
werden schon merken warum!"
Der Mann wußte offensichtlich wovon er
sprach. So fuhren wir los.
Zunächst
ging es durch die besseren, dann in die ärmeren Viertel -
"Wahrscheinlich nur eine Abkürzung" - dachte ich.
Plötzlich hielt das Fahrzeug auf einer nicht
befestigten, lehmigen Straße.
Draußen war es abends schon dunkel geworden. Ein Blick aus
dem Fenster: kein Stau - man bedeutete mir, wir seien am Ziel.
"Hier, in diesem Dreck?" dachte ich mir. "Alle
bleiben sitzen und ich kläre die Praxis erst mal ab".
Die Situation sollte nicht noch verschlimmert werden.
Durch ein
dunkles, offenes Tor
in der geschlossenen Häuserfront gelangte ich in einen
Vorraum mit zwei Holzbänken - so, wie ich es noch von den
alten Eisenbahnzügen kannte. Geradeaus ein weiterer, noch
dunklerer Raum, kaum größer als die Grundfläche
eines Bettes. Dort lag ein Kind auf einer Pritsche und zwei
Jugendliche spielten mit ihm. Die Wände, der Boden, alles
war schrecklich heruntergekommen, dunkel und ..... schmutzig.
Sauberkeit kann in diesem dem Umfeld nur relativ
hergestellt werden.
Nach links führte der Weg in einen
helleren Raum. Hinter einem großen, nicht aufgeräumten
Schreibtisch saß ein sehr freundlicher, lachender und
wohlbeleibter Herr meinen Alters - der Praxisinhaber Dr. Emad F.
Milek. Die Situation hatte er sofort verstanden. Da er - völlig
im Gegensatz zu den Räumlichkeiten und dem Inventar - einen
kompetenten und sicheren Eindruck machte, stimmte ich dem Ganzen
zu. Die verletzte ältere Dame wurde von uns auf einem Stuhl
aus dem Taxi in das Sprechzimmer getragen.
Dieser Raum - das merkte ich erst jetzt
allmählich - war das Herz dieser kleinen "Wunderklinik".
In der Ecke stand eine Röntgen-Anlage. Sie sah aus wie ein
"Kleiderständer mit einem Stromkabel". Der Stecker
einer Operationsleuchte wurde aus einer der beiden verfügbaren
Steckdosen entfernt und die "Röntgen-anlage"
bestromt.
Da mir die Einhaltung der
Strahlen-Schutzbestimmungen hier nicht gegeben schien, habe ich
mich während des Röntgens mit dem Ehemann der
verunglückten Dame in den Vorraum begeben. Die Röntgen
Bilder waren von ausgezeichneter Qualität. Es zeigte sich
der vermutete Unterarmbruch links, die Sprunggelenke waren nur
geprellt - nichts gebrochen.
Der Kollege, Spezialist für orthopädische
Chirurgie hatte bereits einen Anästhesisten bestellt. In der
Wartezeit zeigte er mir stolz Röntgenbilder von offen
operierten Hüftkopf-Nagelungen, Oberschenkel- und
Unterschenkel-Plattungen und den kompletten Splitterbuch des
Unterschenkels eines sechsjährigen Jungen, der vor zwei
Tagen vom Auto überfahren worden war. Die Haut des Jungen
war vom Kochen offen durchspießt. In Deutschland wäre
dies die Aufgabe einer speziellen Knochenklinik. Die Knochen des
Jungen waren mit einem "Fixateur extern" stabilisiert
worden. Der Junge lag im Vorraum - ich hatte ihn beim
Hereinkommen mit seinen beiden Brüdern gesehen.
"Ja, und in welcher Klinik haben sie das
operiert?" fragte ich entgeistert. Der Kollege grinste nur
breit und zeigte voller Stolz auf die schäbige Liege, bei
der der Bezug sich zum Teil schon gelöst hatte.
Während mir der Mund weit offen blieb, kreisten oben unter
der Decken-Hängelampe die Stubenfliegen, der Boden und die
Wände schrieen nach Reinigung und neuen Platten.
Ich besuchte den Jungen im Vorraum,
verständigte mich soweit möglich mit den Angehörigen,
und sah, daß alles seine Ordnung hatte.
Der ebenfalls sehr freundliche Anästhesist
kam, fühlte den Puls, hörte die Patientin durch die
Kleider ab - und gab mit viel Erfahrung und Können langsam
Pentobarbital. Soweit noch Zeit blieb, klärte ich die
Patientin angemessen über die kommenden Dinge auf. Sie
schlief schnell ein, ich überwachte die Atmung - soweit
möglich. Vorher wurde kein Blutdruck gemessen, kein EKG
geschrieben, kein Lunge-geröntgt! Nein, hier nicht!
Als die Kurznarkose
tief genug war, begann der chirurgische Orthopäde sein
Kunstwerk. Er
richtete die gebrochenen Knochen fast in Idealstellung auf,
während ich den Oberarm fixierte. Sofort wurde der Gips
aufgetragen - nach ca. 10 - 15 Minuten wachte die Patientin
wieder auf. Das Röntgenbild zeigte ein hervorragendes
Ergebnis.
Die weitere Betreuung der Patientin konnte ich
mit eigenen Bordmitteln übernehmen. Zum Glück hatte das
Ehepaar am nächsten morgen um vier Uhr ohnehin den Rückflug
nach Köln gebucht. Die Versorgung und Organisation durch die
Reisegesellschaft waren hervorragend.
Fragen:
Mußte die Frau sofort operiert werden?
Ja, sonst kann es zu Lähmungen und
Knochenuntergang kommen.
Kosten?
Alles inklusive (Röntgen - Operation
-Anästesie) 220,-DM!