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Dr. Hasler - Dr. Hasler-Hepp Tholey

Was ist ein guter Arzt?

„Er nimmt sich für mich immer viel Zeit, er ist immer erreichbar - Tag wie Nacht, er ist geduldig, man kann ihn alles fragen, für jedes Problem weiß er eine Lösung .... „

und weitere Idealisierungen sind auf diese Frage die standardmäße Antwort. Die Idealismen ließen sich beliebig vertiefen.

Wer ist der Arzt, in den man ein so hohes Maß an Wünschen projiziert?

Zunächst steht der niedergelassene Arzt in der Praxis im Spannungsfeld vieler Interessens-Gruppen:

  • der Patienten (größte Gruppe)

  • der Krankenkassen (mächtigste Gruppe)

  • der eigenen Arzt-Familie (die am meisten vernachlässigte Gruppe)

  • der angestellten Arzthelferinnen

Für die Krankenkassen definiert sich ein guter Arzt in

  • kurzen Arbeits-Unfähigkeits-Zeiten der Erkrankten,

  • sparsamer Verordnung,

  • pünktlicher und umfassender Beantwortung aller Kassenanfragen,

  • hoher Patientenzufriedenheit - Wie auch Immer?

  • regelmäßiger Fortbildung außerhalb der Sprechstunde im Urlaub, u. v. a. m.

Was ist ein Arzt ?

(aus einem Schülerlexikon)

Gottähnliches Wesen, meist weiß und eilig, in Notfällen fast nie aufzutreiben.
Hört nicht zu, schreibt in einer ihm selbst oft nicht leserlichen Schrift und trägt Mercedes.
In seiner Jugendform beliebtes Ziel für Schwestern und Laborantinnen, daher oft frühzeitig gepaart lebend.
Entwicklungsgeschichtlich ein naher Verwandter des Friseurs, mit dem er heute noch den weißen Kittel gemeinsam hat; beide stammen vom gleichen Urvater, dem „Bader“ ab.

Für die Sorgen und Nöte der eigenen Familie hat der Arzt immer ein offenes Ohr, auch wenn der Notdienst ihm jede Minute Schlaf raubte. Nach einem Tag mit 100 hustenden und klagenden Grippepatienten ist der Arzt auf dem Lande durchaus gerne bereit, abends das gesellschaftlich verarmte Leben der Ehefrau in Tanzsälen oder auf Partys zu bereichern. Im übrigen stellt er selbstverständlich jederzeit voll seinen Mann!

Sonderzulagen, vorzeitiger Feierabend, viel Einfühlungsvermögen und Nachsicht bei Leistungsabfall infolge Problemen in der eigenen Familie sind ein Teil der Mindestvoraussetzungen, die ein Arzt seinen Arzthelferinnen entgegenbringen sollte. Weiterhin ist natürlich unbedingter Schutz der Angestellten vor vorlauten und ungerechtfertigten Forderungen der Patienten erforderlich.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Potpourri der vielfältigen Forderungen, die an den guten Arzt gestellt werden. Wer all diese Bedingungen erfüllt ist wahrlich ein Halbgott in Weiß!

Versuchen wir zunächst nur den ersten Wunsch des oben genannten anonymen Patienten zu analysieren: „Er nimmt sich für mich immer viel Zeit, ...„, dann stellen wir schnell die Absurdität der Forderungen fest. Wenn der Arzt für „Seinen Patienten“ - (Wer ist das? Warum nur einer?) - viel Zeit hat, dann muss der nächste schon sehr lange warten. Vom dritten Patienten wollen wir gar nicht mehr sprechen - der kann gar nicht mehr „Sein Patient“ sein, denn er hat viel zu lange warten müssen.

Solche Einzel-Argumentationen könnten wir jetzt in beliebiger Häufigkeit und Tiefe aufführen. Sie werden dazu führen:

Der eingangs genannte Ansatz ist viel zu idealistisch von dem Ziel einer lieben, heilenden Welt geprägt, weitab von jedem Realismus.

Um zu einer realistischen Beantwortung der Frage nach dem „Guten Arzt“ zu finden, sollten wir erst mal so hart wie möglich die physikalischen Grenzen des Arztes und seiner Umgebung erfassen:

Der Arbeitstag in der Praxis kann vernünftigerweise sieben Stunden umfassen, das sind 7x60 Minuten (=420 Minuten). Wenn der Arzt sich für jeden Patienten 10 Minuten Zeit lässt, dann kann er unter diesen Bedingungen 42 Patienten pro Tag behandeln. Wenn dann weiterhin alle Patienten pünktlich (neudeutsch: just-in-time = jit) kommen, muss niemand warten, alle sind glücklich und zufrieden. Dann ist zwar noch keine Anfrage beantwortet worden, kein Brief geschrieben usw..

Wenn aber an einem Montag bei einer Grippewelle 100 Patienten in der Praxis stehen, in der Zwischenzeit noch ein oder zwei Notfälle in oder außerhalb der Praxis anfallen, dann sind wir sehr schnell bei der viel geschmähten Zweiminuten-Medizin angelangt.

Eine scheinbar unendliche Verfügbarkeit des Arztes hat auch einen hohen Verschleiß der Ware Arzt mit einer kurzen Leistungszeit zu Folge. Der Herzinfarkt mit 50 Jahren ist dann vorprogrammiert.

Aus den Prozessen in der Natur wissen wir, dass Abläufe, die nur positiv rückgekoppelt sind, immer in die Katastrophe führen. (= positives Signal führt zur Verstärkung des laufendes Prozesses, entspricht dem ständigen „Ja-Sagen“)

Negativ rückgekoppelte Systeme erhalten sich selbst und sind überlebensfähig (positives Signal führt zu Reduzierung des laufenden Prozesses, entspricht dem „Nein-Sagen“).

Daraus ist zu folgern, dass ein in seiner Leistungsfähigkeit endliches System nur dann auf Dauer sinngerecht funktionieren kann, wenn es in der Lage ist, quantitativ oder qualitativ überhöhte Anforderungen erfolgreich abzuwehren. Wenn ein ärztliches System dennoch in überhöhte Anforderungen hineingelobt wird, ist die Gefahr sehr hoch, der persönlichen Eitelkeit nachzugeben und auf das notwendig rettende „Nein“ zu verzichten. Nach einem kurzen Höhenrausch folgt dann unausweichlich ein sehr langwieriger und lähmender Kater.

Es kommt darauf an, durch selektives „Nein“ die eigene Wunsch-Klientel aufzubauen. Ein hohe Zufriedenheit auf beiden Seiten wird die Folge sein. Einhundert Prozent aller Patienten wird niemand gerecht werden. Dafür ist der Charakter jedes Arztes zu differenziert und das Wesen der Patienten zu vielfältig. Siebzig Prozent zufriedene Patienten sind eine stolze Zahl. Welcher Politiker kann heute 70% der Wähler hinter sich vereinigen?

„Wenn ein Arzt fachlich gut ist, dann kann man mit ihm doch voll zufrieden sein! Dann ist er doch ein guter Arzt?“

Ist er dann wirklich ein guter Arzt? - Leider oft nicht!

Die fachliche Kompetenz eines Arztes kann ohnehin kein Patient beurteilen. Er findet immer nur Indizien. Gehen wir mal davon aus, dass der Arzt fachlich voll versiert ist.

Um die fachliche Kompetenz am Patienten wirken lassen können bedarf es unbedingt noch der sozialen Kompetenz, in unserem Fall besser der kommunikativen Kompetenz. Daran scheitern aber heute immer noch viele Ärzte, weil sie sich nicht genügend auf die überzeugende beratende Tätigkeit eingestellt haben. Wenn das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung ein kommentarloses Rezept ist, ist der fachlich gute Arzt gescheitert. Der Patient muss mit den Mitteln seiner Sprache, Denk- und Erfahrungswelt ein leicht zu begreifendes Model seiner Erkrankung von seinem Arzt mitbekommen und eine nachvollziehbare Einsicht in die Notwendigkeit der Behandlung oder deren Unterlassung erhalten.

Gut ist ein Arzt

  • Wenn die Kette der zunächst undurchschaubaren Diagnostik bis zur von dem Patienten durchzuführenden Therapie vom Patienten nachvollzogen und akzeptiert wird und diese Bemühungen dann womöglich noch vom Erfolg gekrönt sind. Dann kann man zunächst vom guten Arzt sprechen.

  • Wenn er es dann noch schafft, abends nicht völlig ausgelaugt zu sein, weil er in der Lage ist seine Sprechstunden gut zu organisieren, so dass für beide Seiten kaum Wartezeiten entstehen, sich von häufigen Zeitfressern und unbelehrbaren Nörglern gezielt und möglichst elegant zu trennen, wird er auch ein guter Arzt für seine Familie.

  • Wenn der Arzt mit Hilfe einer leistungsfähigen EDV die immer weiter begrenzten Heil- und Hilfs-Mittel und Medikamente so geschickt einsetzt, dass eine von „Berlin verordnete Sparmaßnahme“ nicht harsch am Patient vollstreckt werden muss, dann wird er auch für die Krankenkasse ein guter Arzt.

  • Wenn der Arzt trotz der zunehmenden Regelungswut im medizinischen System, fallendem eigenem Gehalt und steigenden Gehältern der Arzthelferinnen dennoch ein stolzes Wir-Gefühl und einen hervorragenden Teamgeist vermitteln kann, wird er auch von seinen intimsten Arbeitsbegleiterinnen als guter Arzt geachtet werden.

Für mich sind die größten Stolpersteine für einen guten Arzt:

  • ein sehr gutes Terminsystem,

  • die perfekte Handhabung der EDV,

  • die Fähigkeit immer wieder neu zuzuhören,

  • dem Patienten begreiflich zu machen, dass auch mein Wissen und meine Mittel trotz aller Anstrengungen immer begrenzt sein werden,

  • ein notwendig „Rettendes Nein“ so an den Patienten weiterzugeben, dass er dieses positiv akzeptiert,

  • keinen Zorn über Verwaltung, Politik und Querulanten bei mir aufzustauen und diesen Zorn an unbeteiligte Dritte weiterzugeben,

  • schriftliche Anfragen pünktlich zu beantworten,

  • Kritik an meiner Person von Seiten der Arzthelferinnen positiv umzusetzen,

  • sich abends nach getaner Arbeit mit Schwung an andere Projekte zu begeben,

  • sich regelmäßig selbständig fortzubilden, um auf dem neuesten Stand zu bleiben und sich nicht wegen Frust und Ärger mit einer Flasche guten Wein, Bieres oder Tabletten „weg-zu-beamen“.

Eingangs sagte der anonyme Patient über einen guten Arzt:

„Er nimmt sich für mich immer viel Zeit, er ist immer erreichbar - Tag wie Nacht, er ist geduldig, man kann ihn alles fragen, für jedes Problem weiß er eine Lösung .... „

Jetzt sagt er vielleicht:

„Er nimmt sich für mich angemessen viel Zeit. Wenn er sich notwendigerweise für den nächsten Tag erholt, erfahre ich in den seltenen Notfällen auf seinem Anrufbeant­worter, wer mir weiterhilft. Deshalb ist er in der Sprechstunde ausgeruht und geduldig, man kann ihn alles Fragen, für fast jedes Problem weiß er eine Lösung, und wenn nicht, hilft auf seine schnelle Vermittlung einer seiner freundlichen Kollegen immer weiter, .... “

Dr. Wolfgang Hasler