Herzinfarkt in grauer Vorzeit.

Dr. Hasler - Dr. Hasler-Hepp Tholey

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Im Rahmen meiner heimatkundlichen Lektüre und Forschungen stieß ich auf eine spannende regionale Legende, hinter der ohne Wissen des Erzählers die Schilderung eines Herzinfarktes steckt. Diese Interpretation ist neu. Zum Ursprung des Surry fand ich ...

Entscheidend für die Darstellung der Geschichte ist die medizinische Interpretation aus heutiger Sicht. Es handelt sich um einen Mann, der einen Herzinfarkt erleidet.

 

Links die Geschichte im Original als Nacherzählung von Nikolaus Schütz.

Rechts kursiv die medizinische Sicht der Geschichte.


Der Surry geht um

Nacherzählt von N. Schütz, Spiesen
 

Wo sich an der Straße von Sotzweiler nach Tholey der Ohlenkopf aus einer Reihe von Bergkuppen hart an der Straße heranspringt, liegt eine windstille Ecke, die im Volksmund "Die Warem Stubb" genannt wird. Bis hierhin klettert die Straße aus dem Theltale steil den Hang aufwärts.

Von Sotzweiler nach Tholey muss zu Fuß eine erhebliche Steigung überwunden werden. Dies ist selbst für gesunde Menschen eine Anstrengung.

 

Von Alters her wurde der Ort gemieden; denn der Surry trieb dort sein Unwesen und seine überlebensgroße schwarze Gestalt hatte manchen schon in Angst und Schrecken versetzt.

Hier sind schon immer ungewöhnliche Dinge passiert, die die Menschen nicht verstanden haben. Dieser Umstand fördert die Legendenbildung.

"Zahns Kath" hat es erfahren, was es heißt, mit dem Surry zusammenzustoßen. Es war mit seinem Kläs in Aschbach auf dem Albanusfeste gewesen. Dort hatte er bei seiner Schwester dem Wein ordentlich zugesprochen und war in dem dumpfen Wirtshause, während man den Jungen beim Tanzen zusah, von der Feststimmung angesteckt worden. Die Kath bemerkte mit wachsendem Unbehagen die stündlich zunehmende Trunkenheit ihres Mannes.

Der Kläs war als still, vielleicht auch als gehemmt bekannt. Der Alkohol löste Hemmungen und Zunge. Dabei fühlte er sich wohl. Dies könnte dazu geführt haben, dass er in der Vergangenheit schon öfters mal gern einen "über den Durst getrunken hat. Zusammen mit dem Pfeifenrauchern (letzter Abschnitt) sind dies Risikofaktoren für eine Herzkranz- Gefäßerkrankung. Seine Frau macht dagegen einen sehr tatkräftigen und bestimmenden Eindruck.

Es war ihr nur nur zu gut bekannt, daß das anfängliche Gebatschel ihres sonst stillen Mannes

nach und nach in eine endlose Krakehlerei ausartete. So hatte sie denn auch, trotz Kläsens lebhaften Einspruchs, sich kurzerhand von der Freundschaft verabschiedet und die Heimkehr angetreten.

Kläs knodderte in sich hinein und zeigte keine sonderliche Eile. Er schien nicht zu bemerken, daß es schwarz und drohend über "Höchst" hing. Der Nordwest trug den Donner von Minute zu Minute deutlicher herüber.





Jetzt bestimmt die Kath.

Noch ehe die zwei Sotzweiler erreicht hatten, pfiff der Sturm in den Pappeln und der Regen peitschte. Da saß nun der Kläs triefend auf der Ofenbank im ersten Hause, wo sie Unterstell erbitten mußten. Stumpf und teilnahmslos stierte er in den gelben Sand, der zum Sonntag auf die Dielen gestreut war.

Der Kläs wird nass und friert, sonst säße er wohl nicht auf der Ofenbank. Kälte, körperliche Belastung und psychischer Stress können bei einer Herzkranzgefäß-Verengung zu einem Sauerstoff-Mangel mit Angina pectoris (=Brustenge) führen.

Aus den letzten Bauernhäusern fiel schon schwacher Lichtschimmer durch die kleinen Fenster auf die Straße, als die Kath den Berg hinauf-hastete. Das Wetter hatte nachgelassen. Nur über dem Engscheider Walde lag noch ersterbendes Wetterleuchten. Schwer ging der Atem vor Anstrengung und Angst. Der Kläs schlenderte einige Schritte hinter ihr drein und schwadronierte ohne Unterlaß mit krächzender Stimme. Um die Mahnungen seiner Frau, die immer wieder zur Eile trieb, kümmerte er sich wenig.

Kath treibt zur Eile an, mehr als Ihrem Mann recht ist und wohl auch mehr, als er kann.



 

Die Kath treibt zu weiterer Eile an.

Noch trennten sie 100 Schritte von der "Warem Stubb". Auf den Wald zu schien die Dunkelheit noch undurchdringlicher zu sein. Wenn nur der Kläs keine Dummheiten machte! Sie hatte ihn im Arm eingehängt, um ihn möglichst schnell an der gefährlichen Stelle vorbeizubringen.

Die Eile und damit auch die Anstrengung werden gesteigert. Die Kath hängt jetzt ihren Mann in den Arm ein und gibt den Schritt vor. Ein Ausweichen auf eine geringere Geschwindigkeit, die dem herzkranken Kläs besser bekommen würde, ist nicht möglich. Er wird überlastet.

Der Kläs schlappte teilnahmslos neben seiner Frau. Krampfhaft bemühte sie sich, nicht nach der Ecke zu schauen, in der stillen Erwartung, daß auch der Kläs nicht nach dort abgelenkt werde.


"Hälig Moddergorres Hälf!" Da - ein geller Schrei: "Surry! Surry komm her, wenn de Kurasch hascht!" Kläs hatte den Ort erkannt und gröhlte den gefürchteten Namen in die Dunkelheit. Wie ein Peitschenhieb wirkte der Namen auf die Frau. Entsetzen rann durch ihre Glieder. Den Arm ihres Mannes ließ sie los und preßte ihre knochige Hand auf Kläsens ruchlosen Mund: "Kläs", keuchte sie, "denk an us Kenner!" Das böse Wort war gesprochen. Wie ein Stein war es, der im Wurfe die ungeschickte Hand verlassen hat.

Der Kläs, körperlich von seiner Frau über seine Grenzen hinaus gefordert, möchte am liebsten mit seiner Frau schimpfen und ihr mal gehörig die Meinung sagen. Dazu fehlt ihm der Mut. Vor dem Surry scheint er weniger Angst als vor seiner Frau zu haben. Es könnte auch sein, dass er weiß, in welche Angst seine Frau vor dem Surry hat. Da will er doch mal Dampf ablassen.


Entgeisterte Augen stieren rückwärts nach der Hecke. Da kroch es heraus; schwarz und drohend wälzte sich eine dunkle Riesengestalt auf die beiden zu.

Andererseits belastet ihn sein Wutausbruch zusätzlich - und das führt in die Katastrophe.

Im Schein des letzten ersterbenden Wetterleuchtens erhielt Kläs von unsichtbarer Geisterhand einen Stoß vor die Brust, daß er zusammenstürzte wie ein Sack. Kath konnte keinen Finger rühren, um die Wucht des Falles zu mildern. Da lag ihr Mann auf Mund und Nase reglos auf einem Steinhaufen.

"Stoß vor die Brust" oder auch Herz-Schlag, das sind andere Ausdrücke für einen Herzinfarkt mit der Vernichtungsangst und Brustenge. Offensichtlich kam es zum Schock mit Kreislaufzusammenbruch und Bewußtlosigkeit.

In dieser Nacht ist die Kath eine alte Frau geworden. Wie sie ihren Mann heimgebracht, das weiß sie selbst nicht mehr.


Todsterbenskrank lag er auf dem Strohsack. Sein ganzes Leben war der Kläs "für nichts mehr". Die Brust war ihm eng, nicht einmal eine Pfeiffe Tabak konnte er mehr rauchen. Seine Frau mußte ihn mit den Kindern ernähren. Die Kath hat aber in ihrem ganzen Leben nicht mehr gelacht.

Nach dem Herzinfarkt in der Mensch häufig mehrere Tage todsterbenskrank.

Die Brustenge ist das typische Symptom der Angina pectoris. Das Nikotin im Pfeifenrauch löst sofort ein schmerzhaftes Zusammenziehen der Herzkranzgefäße mit Angina pectoris aus. Darum kann der Kläs nicht mehr rauchen.