Welche
Bewandtnis hatte es nun mit dem Surry, dessen sündhafte Seele
keine Ruhe fand und dessen böser Geist den Menschen so unhold
gesinnt war?
Die
alte Mär erzählt hierüber folgendes:
In
der alten Abtei hatten die Söhne des Hl. Benedikt ihr Tagewerk
beendet. Vom Turme verhallten die letzten Glockenschläge im
Abendwinde. Vom niedrigen Zwiebelturme der Dorfkirche antwortete ein
Glöcklein mit weinerlicher Stimme. Schräg fielen die
letzten Strahlen der scheidenden Sonne über den Ohlenkopf; die
Abtei lag schon im Bergschatten.
Da
polterte der schwere Löwenkopf an der Klosterpforte auf die
Eisenplatte, daß es weithin schallte in der klösterlichen
Stille. Bruder Maximus Holzpantoffel klapperten auf dem
Pflaster der Pforte zu. Im Rahmen des Guckladens erschien ein
unbekanntes Gesicht. Kalte graue Augen blickten schräg von oben
auf den kleinen Pförtner. In der Stimme des Fremden mußte
etwas Zwingendes gelegen haben, daß man zu solch ungewohnter
Stunde noch die Pforte öffnete und ihn sogar zum Abte geleitete,
den er dringend zu sprechen begehrte.
Man
hatte ihn aufgenommen, trotz der schlechten Zeiten. Der Esser hatte
das verarmte Kloster schon zu viele: aber als Arbeitskraft war der
Neuling sicherlich wohl zu gebrauchen, überragte er doch die
kleine Mönchsschar um mehr als Haupteslänge.
So
war der Surry ins Kloster gekommen. Niemand ahnte, daß ihn nur
die braune Kutte mit den Brüdern verband. Niemand wußte
etwas von der gottlosen Seele des einsamen Mannes. Daß sein
Herz brannte vor blutigem Haß gegen Gott und seine Diener,
wußte er jahrelang unter der Maske heuchlerischer Frömmigkeit
und demütigem Arbeitseifers verbergen.
Da
wurde ein Gerücht aufgescheucht und bald tuschelte man sich mit
steinernen Gesichtern gar seltsame Dinge zu. Dem Surry folgten
scheele Blicke. Warum zeigte der allzeit Verschlossene an den
Freitagen ein noch seltsameres Gebaren, warum die beleidigende
Abgekehrtheit von allen Klosterinsassen? War es ein Zufall, daß
an Surrys Zelle die Butzenscheiben ganze Nächte hindurch
erleuchtet waren?
Wie
scheue, schwarze Katzen schlichen sich die Gerüchte über
die Steinplatten des Kreuzganges, drangen heimlich in die kahlen
Zellen der Mönche, wisperten hinter der hohen Gartenmauer und am
stillen Fischweiher am Wiesengrunde und erfüllten die
Klosterstille mit Unruhe, die diesen weltabgekehrten Räumen
bislang unbekannt waren. Die Spannung wuchs von Tag zu Tag, der Bogen
drohte sich zu überstraffen. Gewißheit mußte man
haben um jeden Preis.
Einer
nur schien von alledem nichts zu ahnen. Ihm schien das Gift des
Zweifels nicht die karge Nachtruhe gekürzt zu haben. Ahnte er
nicht, daß ein furchtbarer Verdacht sich wie ein wildes,
blutgieriges Tier an seine Fersen heftete, daß man mit kalten,
nach innen gekehrten Mönchsaugen seine Schritte überwachte?
Die
folgende Freitagnacht hatte die schreckliche Gewißheit
gebracht.
Gewaltsam
hatte man die eichene Zellentür eingerannt. Den entsetzen
Blicken der Klosterleute bot sich ein grauenhaftes Bild. Surry lehnte
aufgeschreckt mit dem Rücken an der grauen Zellenwand, die
Handflächen an den kalten Mörtel gepreßt, weit
vorgereckt den hageren Hals, daß die Sehnen hervortraten. Dem
Ansturm von wilden Blicken starrte eine gräßliche
Teufelsfratze entgegen, die grinsend niederblickte auf das
gotteslästerische Werk. Dort lag auf den Steinfliesen das
Kruzifix der Zelle, überschüttet mit teuflicher Bosheit,
zerschlagen das Bild des leidenden Welterlösers, bespuckt und
besudelt das Zeichen der Erlösung.
Vor
Entsetzen bebende Hände krallten sich hart und erbarmungslos in
die härene Mönchskutte des Verruchten und zerrten den sich
wie rasend gebährdenden Antichristen die breite Steintreppe
hinunter. Durch den Kreuzgang hinunter führte der Weg über
den Hof nach dem gegenüberliegenden Gebäude, über
dessen Eingang im ovalen Schilde die Gestalt der Justitia mit der
Waage in der Hand vom Mondlichte geisterhaft beleuchtet wurde. Im
schaurigen Kellergewölbe fiel klirrend die schwere Gittertür
hinter dem Gefangenen ins Schloß. Im tiefsten, unterirdischen
Gewölbe, in das noch kein Lichtstrahl der Sonne gefallen, wurde
der Gotteslästerer an die Quadersteine geschmiedet. Um ihn herum
führte Bruder Steinmetz im engen Kreise eine Mauer bis zum
Deckengewölbe. Fünf Schuh dick wurden wuchtige Hartsteine
um ihn geschichtet.
Des
Lästerers Leib war von der Erde gefegt, sein vermodertes Gebein
sollte nicht in geweihter Erde ruhen. Seine Seele aber muß wie
Kains sündhafter Leib unstet umherirren. Als schreckhaftes
Gespenst blieb sie, den Frevel zu büßen, an die Erde
gefesselt.