Alte Geschichten aus dem Schaumberger Land
 


Im Rahmen meiner heimatkundlichen Lektüre und Forschungen stoße ich immer wieder auf spannende Geschichten und regionale Legenden, die heute nur noch wenigen Menschen bekannt sind. Damit diese Geschichten nicht verloren gehen, werden diese hier in loser Folge veröffentlicht. Die Daten stammen aus Archiven und sind für jedermann mit dem nötigen Nachdruck auffindbar. Es ist keinesfalls beabsichtigt, Menschen, Gruppen oder deren Vorfahren zu diskriminieren oder gering zu schätzen. Es handelt sich um alte Erzählungen von noch heute lebenden Personen oder aus Niederschriften. Soweit möglich,wird auf Quellen verwiesen.


Anmerkung:
Früher war es durchaus üblich, einen Wachhund nach Surry, dem Ungeheuer zu benennen. Mir ist persönlich eine ältere Dame aus dem Nachbarort Theley bekannt, deren Eltern ihren Hund Surry nannten.
 


Surry, der gottlose Mönch
 

Welche Bewandtnis hatte es nun mit dem Surry, dessen sündhafte Seele keine Ruhe fand und dessen böser Geist den Menschen so unhold gesinnt war?

Die alte Mär erzählt hierüber folgendes:

In der alten Abtei hatten die Söhne des Hl. Benedikt ihr Tagewerk beendet. Vom Turme verhallten die letzten Glockenschläge im Abendwinde. Vom niedrigen Zwiebelturme der Dorfkirche antwortete ein Glöcklein mit weinerlicher Stimme. Schräg fielen die letzten Strahlen der scheidenden Sonne über den Ohlenkopf; die Abtei lag schon im Bergschatten.

Da polterte der schwere Löwenkopf an der Klosterpforte auf die Eisenplatte, daß es weithin schallte in der klösterlichen Stille. Bruder Maximus’ Holzpantoffel klapperten auf dem Pflaster der Pforte zu. Im Rahmen des Guckladens erschien ein unbekanntes Gesicht. Kalte graue Augen blickten schräg von oben auf den kleinen Pförtner. In der Stimme des Fremden mußte etwas Zwingendes gelegen haben, daß man zu solch ungewohnter Stunde noch die Pforte öffnete und ihn sogar zum Abte geleitete, den er dringend zu sprechen begehrte.

Man hatte ihn aufgenommen, trotz der schlechten Zeiten. Der Esser hatte das verarmte Kloster schon zu viele: aber als Arbeitskraft war der Neuling sicherlich wohl zu gebrauchen, überragte er doch die kleine Mönchsschar um mehr als Haupteslänge.

So war der Surry ins Kloster gekommen. Niemand ahnte, daß ihn nur die braune Kutte mit den Brüdern verband. Niemand wußte etwas von der gottlosen Seele des einsamen Mannes. Daß sein Herz brannte vor blutigem Haß gegen Gott und seine Diener, wußte er jahrelang unter der Maske heuchlerischer Frömmigkeit und demütigem Arbeitseifers verbergen.

Da wurde ein Gerücht aufgescheucht und bald tuschelte man sich mit steinernen Gesichtern gar seltsame Dinge zu. Dem Surry folgten scheele Blicke. Warum zeigte der allzeit Verschlossene an den Freitagen ein noch seltsameres Gebaren, warum die beleidigende Abgekehrtheit von allen Klosterinsassen? War es ein Zufall, daß an Surrys Zelle die Butzenscheiben ganze Nächte hindurch erleuchtet waren?

Wie scheue, schwarze Katzen schlichen sich die Gerüchte über die Steinplatten des Kreuzganges, drangen heimlich in die kahlen Zellen der Mönche, wisperten hinter der hohen Gartenmauer und am stillen Fischweiher am Wiesengrunde und erfüllten die Klosterstille mit Unruhe, die diesen weltabgekehrten Räumen bislang unbekannt waren. Die Spannung wuchs von Tag zu Tag, der Bogen drohte sich zu überstraffen. Gewißheit mußte man haben um jeden Preis.

Einer nur schien von alledem nichts zu ahnen. Ihm schien das Gift des Zweifels nicht die karge Nachtruhe gekürzt zu haben. Ahnte er nicht, daß ein furchtbarer Verdacht sich wie ein wildes, blutgieriges Tier an seine Fersen heftete, daß man mit kalten, nach innen gekehrten Mönchsaugen seine Schritte überwachte?

Die folgende Freitagnacht hatte die schreckliche Gewißheit gebracht.

Gewaltsam hatte man die eichene Zellentür eingerannt. Den entsetzen Blicken der Klosterleute bot sich ein grauenhaftes Bild. Surry lehnte aufgeschreckt mit dem Rücken an der grauen Zellenwand, die Handflächen an den kalten Mörtel gepreßt, weit vorgereckt den hageren Hals, daß die Sehnen hervortraten. Dem Ansturm von wilden Blicken starrte eine gräßliche Teufelsfratze entgegen, die grinsend niederblickte auf das gotteslästerische Werk. Dort lag auf den Steinfliesen das Kruzifix der Zelle, überschüttet mit teuflicher Bosheit, zerschlagen das Bild des leidenden Welterlösers, bespuckt und besudelt das Zeichen der Erlösung.

Vor Entsetzen bebende Hände krallten sich hart und erbarmungslos in die härene Mönchskutte des Verruchten und zerrten den sich wie rasend gebährdenden Antichristen die breite Steintreppe hinunter. Durch den Kreuzgang hinunter führte der Weg über den Hof nach dem gegenüberliegenden Gebäude, über dessen Eingang im ovalen Schilde die Gestalt der Justitia mit der Waage in der Hand vom Mondlichte geisterhaft beleuchtet wurde. Im schaurigen Kellergewölbe fiel klirrend die schwere Gittertür hinter dem Gefangenen ins Schloß. Im tiefsten, unterirdischen Gewölbe, in das noch kein Lichtstrahl der Sonne gefallen, wurde der Gotteslästerer an die Quadersteine geschmiedet. Um ihn herum führte Bruder Steinmetz im engen Kreise eine Mauer bis zum Deckengewölbe. Fünf Schuh dick wurden wuchtige Hartsteine um ihn geschichtet.

Des Lästerers Leib war von der Erde gefegt, sein vermodertes Gebein sollte nicht in geweihter Erde ruhen. Seine Seele aber muß wie Kains sündhafter Leib unstet umherirren. Als schreckhaftes Gespenst blieb sie, den Frevel zu büßen, an die Erde gefesselt.